Doppelte Dialoge über die Liebe

"Durchwachte Nacht" mit Schauspielerinnen und Musikern im Kieler Kulturforum 

Kieler Nachrichten 29.09.2020

Von Thomas Richter

KIEL. Einfach zu beschreiben ist der Abend Durchwachte Nacht mit den Schauspielerinnen Susanne Schneider und Viola Schnittger und den Musikern und Komponisten Jens Schliecker und Jens Fischer wirklich nicht. Soviel vorab: Das Publikum im Kulturforum nahm ihn mit großer Begeisterung auf.

 

Eigentlich geht es in erster Linie um Liebe. Aber das Spiel läuft auf der Bühne eben über Bande. Die beiden Künstler und Künstlerinnen liefern sich gewissermaßen einen doppelten Dialog. Gedichte der expressionistischen Dichterin Else Lasker-Schüler (1869 - 1945) stehen Texten des altpersischen Gelehrten und Mystikers Rūmī (1207 - 1273) gegenüber. Die Lebensdaten sind hier wichtig, weil die etwa 600 Jahre, die beide voneinander trennen, von der jeweils zeitgemäßen Sozialisierung Zeugnis geben. Aber das ist nicht alles. Hinzu kommen die natürlich gewachsenen kulturellen Unterschiede. Die Musik kommentiert das Ganze auf sehr sensible Weise. Und Schwung hat das Ganze sogar auch noch.

 

Aber das Thema, ob in Deutschland oder Persien, ob heute, gestern oder vor Jahrhunderten, bleibt nun mal für jeden Erdenbürger aktuell: die Liebe. Und genau das macht den nüchtern inszenierten Abend zwischen Theater und Konzert so interessant. Im Grunde genommen auf den blanken Brettern „spielen" die zwei wohl nicht ohne Grund barfüßigen Schauspielerinnen ihre Gedichte. Sie wenden sich häufig voneinander ab, wenn die jewels andere, was zu sagen hat". Es treffen zwei Menschen aufeinander, die Jahrhunderte voneinander entfernt sind, aber trotzdem auf dem gleichen Boden stehen.

 

Liebe kennt natürlich jeder – ihre dichterische Ausdrucksform kann aber schon erheblich differieren. Da sei das Programm zitiert: "Während Else Lasker-Schüler in ihrer avantgardistischen Lyrik eher die sehnsuchtsvollen emotionalen Aspekte der Liebe betont, sieht Rūmī das Universum in Harmonie mit der Liebe Gottes und seine Verse handeln von dem Weg, Gott näher zu kommen."

 

So stellte es sich an diesem Abend auch tatsächlich dar. Die selbst komponierten, unaufgeregten, brillant vorgetragenen und wirkungsvollen Kompositionen mit Keyboards (Schliecker ) und Gitarre (Fischer), die irgendwo und nirgendwo zwischen Eric Clapton und Pink Floyd ihr Zuhause zu finden suchen, unterstützten das Bühnengeschehen aufs Beste. Sie illustrieren den Raum zwischen den Zeilen und Versen. Ein wirklich guter Soundtrack. 

Großer Applaus von den - coronabedingt - etwa 30 Zuhörern.

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FOTO: Björn Schaller